Der Körper als Erinnerugsträger
Wie frühe oder traumatische Erfahrungen im Körper weiterwirken
Frühe Kindheitserfahrungen sowie akute oder chronische Traumata hinterlassen nicht nur psychische Spuren, sondern beeinflussen Körperfunktionen, Muskeltonus, Wahrnehmung, Stressreaktionen und das Verhalten. Dieses Blog fasst zentrale Mechanismen und typische körperliche Erscheinungsformen zusammen, die in der Praxis beobachtet werden.
Adrenalin- und Kortisol-Dynamik
Chronisch erhöhte Stresshormonspiegel (Kortisol, Adrenalin) können das autonome Nervensystem in Richtung sympathischer Dominanz verschieben.
Folgen: erhöhte Herzfrequenz, Schlafstörungen, Reizbarkeit, Konzentrationsprobleme, Immunsuppression, metabolische Veränderungen (z. B. Gewichtszunahme oder -verlust).
Autonomes Nervensystem: Hyper- und Hyporeaktivität
Hyperarousal: andauernde Erregung, Nervosität, Schreckhaftigkeit, Muskelspannungen.
Hypoarousal / Dissoziation: Taubheitsgefühle, Gefühlsabflachung, Energielosigkeit, unterdrückte Schmerz- oder Emotionswahrnehmung.
Dysregulation kann zu Schwierigkeiten bei der Selbstregulation und in sozialen Beziehungen führen.
Muskeltonus und somatische Muster
Chronische Anspannung in Nacken, Schultern, Kiefer (Bruxismus), Rücken und Gesicht ist häufig.
Schutzhaltungen: der Körper nimmt Haltungen ein, die einst Schutz boten (Kugelung, Einziehen der Schultern), und behalten diese auch wenn Gefahr vorbei ist.
Verspannungen können Schmerzsyndrome (chronische Kopfschmerzen, Myofasziale Schmerzen) fördern.
Nervensystem und Schmerzverarbeitung
Frühere Traumata können die Schmerzwahrnehmung verändern: sowohl erhöhte Schmerzsensitivität als auch reduzierte Schmerzempfindung.
Zentral sensitisation: eine andauernde Verstärkung von Schmerzsignalen im zentralen Nervensystem ist möglich.
Interozeption und Körperwahrnehmung
Gestörte Interozeption: Schwierigkeiten, körperliche Signale (Hunger, Sättigung, Herzklopfen) korrekt wahrzunehmen oder einzuordnen.
Folge: Probleme bei der Regulation von Emotionen, Essverhalten, Selbstfürsorge.
Atmung und vegetative Muster
Flache, oberflächliche Atmung (Brustatmung) oder Atemanhalte-Reaktionen sind typische Folgen von Stress- oder Angsterfahrungen.
Dysfunktionale Atemmuster verstärken Angst und vegetative Unruhe.
Schlaf und circadiane Rhythmen
Traumafolgen zeigen sich oft in Einschlaf- oder Durchschlafstörungen, wiederkehrenden Albträumen oder Fragmentierung des Schlafs.
Schlafstörungen verstärken körperliche und psychische Belastungen.
Immun- und Entzündungsreaktionen
Chronischer Stress kann entzündliche Prozesse fördern und die Immunantwort verändern.
Langfristig erhöht dies das Risiko für somatische Erkrankungen (z. B. kardiovaskuläre Erkrankungen, Autoimmunprozesse).
Hormonsystem und Stoffwechsel
Traumafolgen beeinflussen Hormonachsen (z. B. HPA-Achse) und können Stoffwechsel, Reproduktionsfunktionen und Energiehaushalt stören.
Verhalten und motorische Muster
Vermeidungsverhalten, Rückzug oder Überaktivität können als körperlich wahrnehmbare Muster auftreten.
Motorische Unruhe, zappeln, aber auch eingefrorene Bewegungen sind mögliche Ausdrucksformen.
Embodiment und Gedächtnis
Körpergedächtnis: Erinnerungen an traumatische Ereignisse können als körperliche Empfindungen, Spannungen oder Automatismen abgespeichert sein.
Reize, die an das Trauma erinnern, können unbewusst körperliche Reaktionen auslösen.
Entwicklungsaspekte bei frühkindlichen Erfahrungen
Frühkindliche Stressbelastung beeinflusst die Gehirnentwicklung (z. B. Strukturen wie Amygdala, Hippocampus, präfrontaler Kortex) und prägt die neuronale Plastizität.
Bindungsstörungen äußern sich körperlich in Regulationsproblemen (Schlaf, Essen, Schreien, Berührungsbedürfnis).
Dipl. psychologische Beraterin und Therapeutin
Angelina Tukara