Körperdysmorphie-Wenn der eigene Körper zum Feind wird
Körperdysmorphie
Körperdysmorphe Störung (KDS) ist eine psychische Erkrankung, bei der Betroffene ein anhaltendes, quälendes Gefühl haben, dass ihr Aussehen fehlerhaft oder entstellt sei — oft bezogen auf kleine oder nicht wahrnehmbare Makel. Diese Wahrnehmung geht weit über normale Unzufriedenheit hinaus und kann den Alltag, Beziehungen und die Arbeitsfähigkeit massiv beeinträchtigen.
Wie zeigt sich Körperdysmorphie?
Starke Beschäftigung mit einem oder mehreren vermeintlichen Makeln (z. B. Haut, Nase, Haare, Zähne, Körperproportionen).
Wiederholtes Prüfen im Spiegel oder Vermeiden von Spiegeln.
Häufiges Vergleichen mit anderen Menschen.
Übermässige Pflegehandlungen oder exzessive kosmetische Eingriffe.
Vermeidung sozialer Situationen aus Angst vor Kritik oder Ablehnung.
Zwanghafte Rituale (z. B. ständiges Abdecken, Make-up, ständiges Fotografieren und Löschen von Bildern).
Depressive Verstimmung, Angstzustände, Isolation und Suizidgedanken können auftreten.
Ursachen und Risikofaktoren Die genauen Ursachen sind nicht abschliessend geklärt; wahrscheinlich handelt es sich um ein Zusammenspiel von biologischen, psychologischen und sozialen Faktoren:
Genetische Veranlagung und neurobiologische Besonderheiten.
Verzerrte Wahrnehmungsverarbeitung und übersteigerte Aufmerksamkeit auf das Aussehen.
Perfektionistische Persönlichkeitszüge und geringe Selbstwerterfahrung.
Traumatische oder kritische Erfahrungen in der Kindheit (z. B. Mobbing, Hänseleien).
Gesellschaftlicher Druck durch Schönheitsideale, soziale Medien und Vergleiche.
Folgen im Alltag KDS kann zu massivem Leid führen: Berufliche Einschränkungen, Probleme in Partnerschaften, soziale Isolation und finanzielle Belastung durch häufige kosmetische Eingriffe oder Produkte. Oft wird die Störung nicht erkannt, weil Betroffene sich schämen oder ihre Beschwerden als rein körperlich erklären wollen.
Wann Hilfe suchen? Suchen Sie professionelle Unterstützung, wenn:
die Sorge um das Aussehen viele Stunden pro Tag beansprucht,
Sie Alltag, Arbeit oder Beziehungen vernachlässigen,
Sie wiederholt kosmetische Eingriffe wünschen oder durchführen lassen, ohne Erleichterung zu finden,
suizidale Gedanken auftreten.
Mögliche Behandlungsansätze
Kognitive Verhaltenstherapie (KVT): Gezielte Interventionen, um verzerrte Gedankenmuster zu erkennen und zu verändern, Expositionen gegenüber angstauslösenden Situationen und Verhaltensänderungen (z. B. Spiegelrituale vermindern). Traumatherapie. Hypnosetherapie. Autogenes Training. Gestalttherapie.
Medikamentöse Behandlung: Selektive Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) können in vielen Fällen hilfreich sein.
Psychoedukation: Aufklärung über die Störung hilft, Schuldgefühle und Scham zu reduzieren.
Unterstützung bei kosmetisch-plastischen Beratungen: Eine sorgfältige Abklärung, um Starrheit gegenüber Eingriffen zu vermeiden.
Gruppen- oder Selbsthilfeangebote können das Gefühl der Isolation vermindern.
Praktische Strategien für den Alltag
Bewusstes Spiegelverhalten: feste Zeiten und kurze Dauer statt ständiges Prüfen.
Medienkonsum reflektieren: Zeitlimit setzen, kritisch mit bearbeiteten Bildern umgehen.
Achtsamkeitsübungen und Körperwahrnehmungstraining, um die Wahrnehmung zu stabilisieren.
Aktive Selbstfürsorge: Schlaf, Bewegung, soziale Kontakte pflegen.
Notfallplan für Krisen: Personen nennen, die in akuten Belastungen erreichbar sind; professionelle Telefonnummern bereithalten.
Wenn Sie jemanden unterstützen möchten
Zuhören ohne zu urteilen; das Problem nicht als «Eitelkeit» abtun.
Ermutigen, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Keine schnellen kosmetischen Lösungen anbieten; stattdessen psychologische Abklärung nahelegen.
Geduld haben: Veränderung braucht Zeit und häufig mehrere Therapiesitzungen.
Fazit Körperdysmorphie ist mehr als Unzufriedenheit mit dem Aussehen — sie kann das Leben stark einschränken und erfordert ernsthafte, fachkundige Behandlung. Mit den richtigen therapeutischen Ansätzen, Unterstützung und Bewältigungsstrategien lässt sich die Wahrnehmung verändern und Lebensqualität zurückgewinnen. Wenn Sie oder eine Ihnen nahe stehende Person betroffen sind, ist der erste Schritt, professionelle Hilfe zu suchen.
Dipl. psychologische Beraterin und Therapeutin
Angelina Tukara